Potsdamer Außenpolitisches Sommerseminar 2015: Gedanken und Feedback

Dieser Beitrag soll, mehr oder weniger, dem Feedback dienen, jedoch auch einzelne, mir interessant erscheinende Themen und Sachverhalte tangieren. Dabei soll vom Allgemeinen zu Speziellen verfahren werden.

Zunächst zum Allgemeinen:
Unterbringung sowie Speis und Trank waren absolut in Ordnung. Auch wenn man sich gewünscht hätte, ein Hotel näher am Veranstaltungsort bewohnen zu können, so bleibt festzuhalten, dass die Unterbringung im Plattenbauviertel so verkehrt nicht war. Denn schließlich ermöglichten die Fahrten von ca. 15 bis 25 Minuten Länge auch einen Einblicke in den Potsdamer Städtebau. Diesbezüglich sei anzumerken, dass Potsdam auch abseits des Zentrums durchaus etwas hermacht und eben nicht nur Wert auf Repräsentanz, Prestige und damit Schein gelegt wird. Die Verpflegung war (auch dank der Gutscheine für die Mensa) ausreichend und durch den Besuch unterschiedlicher gastronomischer Lokalitäten bisweilen sehr gut – im Grunde brauchte man sich diesbezüglich um nichts kümmern. Daher Danke!

Zum Umfang des PAS, sprich die Verplanung der Tage sei gesagt, dass das Programm in seiner Fülle doch äußerst reichhaltig war. Von früh um 09:00 Uhr bis abends 22:00 Uhr hatte man stets viel zu tun. Wobei „zu tun haben“ tatsächlich meist aus zuhören bestand, was sich auf Dauer als doch recht anstrengend herausstellte. In Verbindung mit fast ständigem Sitzen stellten sich (bei mir) oft Ermüdungserscheinungen ein. Ein wenig körperliche Abwechslung hätte durchaus gut getan. Diesbezüglich frage ich mich, warum es nicht möglich sein sollte, mit solch einer Truppe wie der unseren, laufend bzw. spazierengehend Themen zu erörtern und zu diskutieren. Da hat Potsdam so schöne Parkanlagen und man sitzt stattdessen in Seminarräumen rum. Im Kopf habe ich immer das Bild eines Preußen Friedrichs (egal welcher von denen), der mit seiner Entourage durch die Parkanlagen Sanssoucis schlendert und seinen Staatsgeschäften nachgeht. Der Witz dabei ist doch, das Bewegung (und sei es nur ein Spaziergang) sowohl den Körper als auch den Geist fit hält (letzteres sogar instant). Dies scheint mir eine universelle Erkenntnis, welche sich die Veranstalter des PAS zu Nutze machen sollten. Immer nur sitzend zu lauschen und zu diskutieren sind dem Entwickeln klarer und konsistenter Gedanken eher unzuträglich, würde aber erklären, warum Politik heutzutage außer flachem Geseier in der Tat nichts zu bieten hat.

Zum Inhalt des PAS:
Es ging um die Sicherheit in Europa von 1945 bis 2015. Hauptaugenmerk wurde auf das Potsdamer Abkommen sowie die KSZE (später OSZE) gelegt. Dazu wurden verschiedene Texte zur Verfügung gestellt, mit der Bitte, sich diese doch vorher zu Gemüte zu führen um auf einer gemeinsamen Grundlage diskutieren zu können. Und da gab es m. E. Probleme. Wer sich tatsächlich alle zur Verfügung gestellten Texte vorab durchlas, für den stellten sich einige Abschnitte des PAS als äußerst redundant dar. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den historischen Abriss zu KSZE. Tipp für die Zukunft: bitte nur eins von beiden. Entweder Text zu lesen geben oder darüber referieren. Beides zusammen scheint unnötig und verschenkt wertvolle Zeit (wer nicht liest, obwohl es vorausgesetzt wird, hat, leider Gottes, Pech gehabt – u. U. könnte man, etwas diplomatischer, kurze Handouts reichen).
Festzustellen war, dass hauptsächlich alte Männer sprachen und zwar über die Vergangenheit. Es ist ja durchaus interessant Zeitzeugen zu lauschen; vor allem dann, wenn es sich bei diesen um Leute in exponierten Stellungen handelte. Jedoch besteht die Gefahr, dass das Ganze zu einer retrospektiven Nabelschau ausartet – eben in Geschwätz alter Männer über deren Vergangenheit. Daher kam mir Frau Dr. Petra Erler ziemlich gelegen; forderte Sie doch Ihre Zuhörer heraus und brachte dadurch einen unheimlichen Schwung in die Diskussion. Im diesem Sinne: Danke Frau Dr. Ehrler!

Die Gesprächsrunde mit Herrn Modrow war ebenfalls aufschlussreich, da einem so ein Blick hinter die Kulissen gewährt wurde. Jedoch sollte man vorsichtig sein und (wie immer) das Gesagt in Frage stellen. In diesem Zusammenhang sei auf Gorbatschow, die NATO-Osterweiterung und die fehlenden Verträge hingewiesen. Verhält es sich doch so, das in anderen Kultur- und Gesellschaftskreisen ein Vertrag nichts, jedoch ein Ehrenwort alles bedeutet. Und wer sein Ehrenwort bricht, ist raus aus dem Club der Ehrenmänner, was meist schon Bestrafung genug ist, da einem auf diese Art womöglich auch andere Netzwerke und (Verdienst-)Möglichkeiten verschlossen bleiben. Kurzgefasst: Verträge sind eine Erfindung des weißen Mannes, welcher, wenn es ihm vorteilhaft erscheint, seine eigenen Verträge ignoriert – die amerikanischen Ureinwohnen wissen dies zu bestätigen. Andererseits muss man Gorbatschow wohl in der Tat grob fahrlässiges Verhalten unterstellen – sich als Staatsmann auf ein mögliches Ehrenwort des politischen Gegners zu verlassen scheint unverzeihlich. Und sich zudem die deutsche Wiedervereinigung für umgerechnet 6 Milliarden Euro „abkaufen“ zu lassen spottet jeglicher Beschreibung. Vor allem wenn man bedenkt, dass allein die „Rettung“ der Commerzbank nach der Finanzkrise 2008 mit 18 Milliarden Euro zu Buche schlug, muss man sich fragen, wie Gorbatschow mit einem Drittel dessen das Sowjetimperium retten wollte. Crazy!!!

Weitere Stationen des PAS betrafen u.a. die Sicherheit Europas aus polnischer Sicht (Danke an Prof. Dr. Bogdan Koszel) sowie ein gedanklicher Ausflug an die Nordgrenzen Europas und damit verbunden Gedanken zur europäischen Energiepolitik, welche angesichts der deutschen Energiewende und Dekarbonisierungsdebatte recht anachronistisch erscheint. Die Zeiträume zur Erschließung von Gas- und Ölressourcen im Nordmeer, mit denen hier gearbeitet wurde (22. Jahrhundert!!!) sowie die veranschlagten Kosten von rund 80 Milliarden Euro geben einem arg zu denken, vor allem wenn man bedenkt welche Fortschritte bei den erneuerbaren Energien in verhältnismäßig kurzer Zeit erzielt wurden. Real-körperliche Ausflüge, u.a. in den Bundestag, um mit aktuell praktisch handelnden Politikern zu disputieren, waren ein angenehmer Kontrast zu der sonst eher theoretischen Ausrichtung des PAS. Erschreckend finde ich, das sich die Erkenntnis des Herrn Solty bestätigt, wonach wir Linken (gemeint ist nicht nur, sondern auch die Partei DIE LINKE) stark in der Analyse, jedoch schwach im Formulieren von Alternativen sind. Nicht nur das es uns an Ressourcen vielfältigster Art fehlt, nein, es fehlt uns auch an einer Ideologie (ich denke “der Sozialismus” ist seit der Wende verbrannt und lockt, zumindest hierzulande, kaum noch jemanden hinter dem Ofen vor). Hier müsste ein quasi-neues gesellschaftliches Narrativ entwickelt und einheitlich-offensiv vertreten werden. Denn auch wenn wir es durchaus drauf haben zu analysieren, konnten mir weder Herr Modrow noch Frau Ehrler tatsächlich alternative Handlungsweisen vorschlagen, geschweige denn mir den Weg beschreiben, welcher zu gehen wäre. Als jemand der die asiatische Kultur schätzt, fehlt mir so eine Art Sensei, welcher mir den rechten (in diesem Fall besser linken) Weg zeigt. So bleibt mir nichts weiter übrig als mich am Motto der mexikanischen Zapatistas zu orientieren: Fragend schreite ich voran!

Fazit:
Im Großen und Ganzen, und da möchte ich ausschließlich nur in meinem Namen sprechen, hielt das PAS kaum neue Erkenntnisse für mich parat, da ich mit einem Großteil des Inhalts schon vertraut war und vieles, was referiert wurde, bereits so vermutete (wer seit fünf Jahren die Blätter für deutsche und internationale Politik sowie regelmäßig die www.nachdenkseiten.de liest, ist besten mit der Materie vertraut). Sicherlich verhält es sich so, dass die Referenten auf ihrem Spezialgebiet alle Experten sind. Jedoch ging und geht es mir selten um Details sondern immer ums große Ganze (auch abseits des Politischen). Vielmehr und viel wichtiger scheint es bei einer Veranstaltung wie dem PAS um den Aufbau von Netzwerken zu gehen, sowie darum, sich gegenseitig die intellektuell-progressive Seele zu streicheln, was in unserer äußerst unvernünftigen und gesellschaftlich atomisierten Zeit dringend geboten ist. Mir jedenfalls tat es sehr gut!

Zum Schluss:
Zunächst sage ich dank an die Teilnehmer des PAS: Es war mir eine Freude euch kennengelernt zu haben und ich hege die Hoffnung, dass wir uns bei ähnlicher, aber gern auch bei anderer Gelegenheit wiedersehen. Des Weiteren danke ich allen Referenten, welche das PAS zu einem intellektuellen Genuss gemacht haben. Weiterer Dank geht an die Organisatoren Angela Ch. Unkrüer und Christoph S. Widdau (dein Vortrag war echt Klasse) sowie an Prof. Dr. habil. Reimund Krämer. Mängel in und an der Organisation werden ja erst sichtbar, wenn sich jemand negativ äußert, wohingegen, wenn es gut läuft, sich kaum jemand positiv zu äußern vermag. Dies möchte ich hiermit jedoch tun und sage: Danke, der Aufwand hat sich gelohnt! Schlussendlich danke ich auch der Universität Potsdam für die Bereitstellung der Räumlichkeiten nebst Mensa, sowie, last but not least, der Rosa-Luxemburg-Stiftung für Ihre finanzielle und personelle Unterstützung sowie deren Vorsitzender, Frau Dr. Dagmar Enkelmann (ohne deine Einladung hätte ich wohl nie vom PAS erfahren). Danke! Und immer dran denken, auch wenn es hippiemäßig klingt und oft schwer fällt: Wer Liebe im Herzen trägt, wird Liebe erfahren! Soviel zur stärksten Ressource, welche uns zur Verfügung steht.

Philipp Diettrich

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