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Vom Sockel gestoßen!?

„Gorbi, Gorbi“, titelte u.a. die deutsche Bild-Zeitung in zentimeterhohen Buchstaben im Juni 1989. „Gorbi Hilf uns!“ war am 7. Oktober 1989 auf Transparenten bei Demonstrationen zum 40. Jahrestages der DDR in Ost-Berlin zu lesen. „Gorbi“, das ist in Deutschland zu dieser Zeit die zärtliche Abkürzung für den Namen des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, in Ost und West. Ich selbst erinnere mich daran, in jüngster Kindheit Gorbi vor dem Fernseher verfolgt zu haben.

Das wohlige Gefühl, das beim Gedanken an die Symbolfigur Gorbatschow aufkommt – auch wenn klar ist, dass nicht ein Mann allein den Mauerfall und das Ende des Kalten Krieges verursacht hat –, wurde am ersten Tag des Potsdamer Außenpolitischen Sommerseminars durch Zeitzeugenberichte gestört. Hans Modrow, letzter Vorsitzender des Ministerrates der DDR, schilderte seine Erinnerungen und Erfahrungen aus der Wendezeit und räumte mit einigen gängigen Annahmen auf. Demnach wäre es nicht zutreffend, Gorbatschow als Reformer zu bezeichnen, da Reformen in der Sowjetunion erst mit Jelzin begonnen hätten. Auch könne Gorbatschow kein Dokument vorweisen, das die Zusicherung der Nichtausbreitung der NATO nach Osten während der Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung belegt.

Wie überall, so auch hier, offenbart ein Blick in die Details viele Grauschattierungen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung oder der medialen Berichterstattung zu Schwarz und Weiß vereinfacht werden. Dennoch, Gorbatschow bleibt für mich eine zentrale Figur der Wiedervereinigung. Ob als Reformer oder als „Zerstörer“ Russlands – er hat den Lauf der (deutschen) Geschichte maßgeblich beeinflusst.

Anne Klinnert

Gorbatschow und die deutsche Geschichtsschreibung

Bemerkenswert unter den vielen interessanten Beiträgen war vor allem die (für mich) überraschend scharfe Kritik von Hans Modrow an Gorbatschow – sowohl an seiner Politik als auch an seinen Fähigkeiten. Dies bestätigt zum einen die Vermutung, dass Politiker im Ruhestand dem Zuhörer unter Umständen einen ehrlicheren – weil frei von (politischen) Zwängen – Einblick in bestimmte Bereiche der Politik geben können (kein Vorwurf an Helmut Scholz!). Zum anderen erinnert diese Kritik daran, dass auch Geschichtsschreibung nicht frei von Machtinteressen ist. Dies mag keine ganz neue Erkenntnis sein. Dennoch findet sie bei der Analyse aktueller politischer Entscheidungen, die ja nicht selten mit historischen Beispielen legitimiert werden, nur wenig Beachtung. Modrow wies im Zuge seiner Kritik selbst darauf hin, dass diese eine Minderheitenmeinung in Deutschland sei. In der deutschen Geschichtsschreibung wird Gorbatschow wohl auch zukünftig als bedeutender, wenn auch gescheiterter, Reformer eingehen. Modrows Kritik wird dagegen wahrscheinlich nicht den Weg in die Geschichtsbücher finden. Unabhängig davon, ob Modrows Aussagen zutreffend sind, schärfen sie doch den Blick für den historischen Diskurs, der stets auch unter den Bedingungen der gegenwärtigen Machtverhältnisse betrachtet werden sollte.

Daniel Böldt