Gorbatschow und die deutsche Geschichtsschreibung

Bemerkenswert unter den vielen interessanten Beiträgen war vor allem die (für mich) überraschend scharfe Kritik von Hans Modrow an Gorbatschow – sowohl an seiner Politik als auch an seinen Fähigkeiten. Dies bestätigt zum einen die Vermutung, dass Politiker im Ruhestand dem Zuhörer unter Umständen einen ehrlicheren – weil frei von (politischen) Zwängen – Einblick in bestimmte Bereiche der Politik geben können (kein Vorwurf an Helmut Scholz!). Zum anderen erinnert diese Kritik daran, dass auch Geschichtsschreibung nicht frei von Machtinteressen ist. Dies mag keine ganz neue Erkenntnis sein. Dennoch findet sie bei der Analyse aktueller politischer Entscheidungen, die ja nicht selten mit historischen Beispielen legitimiert werden, nur wenig Beachtung. Modrow wies im Zuge seiner Kritik selbst darauf hin, dass diese eine Minderheitenmeinung in Deutschland sei. In der deutschen Geschichtsschreibung wird Gorbatschow wohl auch zukünftig als bedeutender, wenn auch gescheiterter, Reformer eingehen. Modrows Kritik wird dagegen wahrscheinlich nicht den Weg in die Geschichtsbücher finden. Unabhängig davon, ob Modrows Aussagen zutreffend sind, schärfen sie doch den Blick für den historischen Diskurs, der stets auch unter den Bedingungen der gegenwärtigen Machtverhältnisse betrachtet werden sollte.

Daniel Böldt

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